Herr, ich kann nicht beten!

Wenn du wirklich eine sühnende Seele - eine sühnende und frohe Seele! - sein willst, mußt du vor allem die Zeiten deines täglichen Gebetes sicherstellen; die Zeiten für ein zutiefst vertrauensvolles, großherziges, ausdauerndes Beten! Bemühe dich darum, nicht nach Lust und Laune dein Gebet zu halten, sondern - wenn irgend möglich - zu dem vorgesehenen Zeitpunkt. Sei in diesen kleinen Details nicht nachlässig!

Mache dich geradezu zum "Sklaven" dieser täglichen Aussprache mit Gott - und ich versichere dir: niemals wird dir die Freude fehlen! (Die Spur des Sämanns 994)

Manche haben eine Vorstellung vom Frömmigkeitsleben und von der Art, wie ein Christ mit seinem Herrn Umgang pflegen muß, die unangenehm, theoretisch, formell ist, zu seelenlosem Hersagen entartet. Derlei führt nicht zum persönlichen Gespräch von Du zu Du mit unserem Vater Gott, sondern nur in die Anonymität; und dabei müßte doch klar sein, daß ein echtes mündliches Gebet niemals anonym ist. Eine solche Auffassung erinnert mich an den Rat des Herrn: Wenn ihr betet, so plappert nicht wie die Heiden. Die meinen, sie fänden Erhörung, wenn sie viele Worte machen. Macht es ihnen nicht nach, Euer Vater weiß ja, was euch not tut, ehe ihr ihn bittet (Mt 6,7-8). Ein Kirchenvater erläutert es so: Damit scheint mir Christus sagen zu wollen, man solle die Gebete nicht lang machen, das heißt lang nicht der Zeit nach, sondern durch die Menge und Länge der Worte. (...) Der Herr selbst führte jenes Gleichnis mit der Witwe an, die den unbarmherzigen, grausamen Richter durch beharrliches Bitten umstimmte, sowie das andere Beispiel mit dem Freunde, der zu unzeitiger Nachtstunde daherkommt und den Schläfer von seinem Lager aufscheucht, nicht wegen seiner Freundschaft, sondern durch seine Beharrlichkeit (vgl. Lk 11,5-8; 18,1-8). Mit beiden Gleichnissen wollte Er uns aber keine andere Lehre geben als die, daß wir uns alle mit Beharrlichkeit an Ihn wenden sollen. Dagegen will Er ganz und gar nicht, daß wir mit meilenlangen Gebeten zu Ihm kommen, sondern daß wir unsere Anliegen mit aller Einfachheit vorbringen (Johannes Chrysostomus, In Matthaeum homiliae, 19, 4 (PG 57, 278]).

Jedenfalls aber: Wenn es euch zu Beginn eurer Betrachtung nicht gelingt, die Aufmerksamkeit auf Gott zu konzentrieren, wenn ihr nur Trockenheit empfindet und der Verstand unfähig zu sein scheint, auch nur einen einzigen Gedanken hervorzubringen, wenn sich im Gemüt nichts regt, dann rate ich euch, das zu tun, was ich immer in einer solchen Lage getan habe: Versetzt euch in die Gegenwart eures Vaters und sagt Ihm zumindest: Herr, ich kann nicht beten, mir fällt überhaupt nichts ein, was ich Dir erzählen könnte!... Seid versichert, daß ihr in diesem Augenblick angefangen habt zu beten. (Freunde Gottes 145)