Rückblende und Nachlese

Die dritte Epiphanie: Alltag und Neuevangelisierung Eine Betrachtung von Josef Arquer zum Ausklang der weihnachtlichen Zeit

Betrachtungen zum Kirchenjahr von Josef Arquer

In den vergangenen zwei Wochen haben wir in unseren Krippen die schlichte Darstellung der Weihnacht betrachtet. Sie bildet das naive Gegenstück zu den berühmten spätmittelalterlichen Gemälden in denen die Begegnung feierlich majestätisch seitens der Könige und kindlich spielerisch seitens des Kindes geschieht: Der weiße König wird vom Schwung des quicklebendigen Jesuskindes überrumpelt, das seine Hand in den Pokal voller Goldstücke steckt.

Am Sonntag nach der Huldigung der Weisen klingt die Weihnachtszeit aus durch das Fest der Taufe des Herrn im Jordan.

Der ganzen Menschheit auf seine Schultern geladen; er trug sie den Jordan hinunter“ (Joseph Ratzinger / Benedikt XVI, „Jesus von Nazaret“, S. 44).

Jesu Alltag in Nazaret

Zwischen den beiden heilsgeschichtlichen Ereignissen liegen jene Jahre, die man „das verborgene Leben Jesu“ nennt. Spirituell lässt sich diese Zeit für uns als eine dritte Epiphanie deuten: „Das verborgene Leben in Nazaret ermöglicht jedem Menschen, in den alltäglichsten Dingen in Gemeinschaft mit Jesus zu sein“ (Katechismus der katholischen Kirche, 533).

Auch darin erleben wir Epiphanie, ein Sich-Zeigen des Herrn: „Indem Jesus wie einer von uns aufwächst und lebt, offenbart Er uns, dass das menschliche Dasein, das gewöhnliche und alltägliche Tun einen göttlichen Sinn hat. Sooft wir diese Wahrheit auch betrachtet haben mögen, immer wieder sollte uns der Gedanke an die dreißig Jahre seines verborgenen Lebens in Staunen versetzen, jene dreißig Jahre, die den größten Teil seines Wandels unter uns Menschen, seinen Brüdern, ausmachen. Jahre im Schatten, für uns aber klar wie Sonnenlicht. Oder vielmehr: strahlende Jahre, die unsere Tage erhellen und ihnen ihren wirklichen Sinn geben; denn wir sind gewöhnliche Christen, die ein normales Leben führen wie Millionen Menschen überall auf der Welt.“ (Hl. Josefmaría Escrivá, Christus begegnen, Nr. 14)

Er sendet

Immer wenn der Herr sich zeigt, sendet er auch. Bei seiner Taufe ist der Täufer jener, der die Sendung auslöst. Er verweist seine beiden Jünger Andreas und Johannes auf den vorbeigehenden Jesus – und Sie folgen ihm. Aus der inneren Erfahrung jener ersten Begegnung entsteht spontan ihre „Sendung“. Andreas beeilt sich, seinen Bruder Simon Petrus zu rufen; beide weihen einen Freund aus dem gleichen Dorf ein, Philippus. Dieser kann es auch nicht für sich behalten und informiert seinen Freund Nathanael (Bartholomäus).

Immer, wenn Gott sich uns in unserem Alltag zeigt, sendet er uns. Der Ort solcher Sendung ist unser alltägliches Umfeld: Beruf, Familie, Freundeskreis ... Mit einem Wort des hl. Josefmaria: „Die Christus gefunden haben, dürfen sich gegenüber ihrer Umwelt nicht abkapseln. Solche Selbstgenügsamkeit wäre eine traurige Sache. Sie müssen sich vielmehr wie ein Fächer nach allen Seiten hin entfalten, um alle Menschen zu erreichen. Jeder muss um sich einen immerfort wachsenden Freundeskreis bilden, den er durch sein berufliches Ansehen, durch sein Verhalten, durch seine Freundschaft beeinflusst - doch mit dem Ziel, dass Christus es ist, der in all diesen Beziehungen seinen Einfluss ausübt.“ (Die Spur des Sämanns, Nr. 193)

Ein Blick auf die heimkehrenden Weisen

Auch wenn wir liturgisch von den geheimnisvollen Gestalten Abschied nehmen, die in ihre Heimat zurückkehren, dürfen wir in betender Rückblende noch den einen oder anderen Zug ihrer spirituellen Gestalt in unsere eigenen Innerlichkeit mit hinein nehmen – denn auch wir kehren wie sie in unseren Alltag zurück, wahrscheinlich noch im inneren Licht der liturgisch erlebten Geheimnisse.

Zwar empfingen die Weisen aus dem Orient keinen ausdrücklichen Befehl des vielleicht zweijährigen Jesuskindes. Und doch werden sie als „Gesandte“, als „Apostel“ nach Hause zurückgekehrt sein: „Die Weisen aus dem Orient ‚kehrten zurück’ in ihr Land, und sicher legten sie Zeugnis ab von ihrer Begegnung mit dem König der Juden. (...) Der Stern, der sie geführt hatte, war nicht mehr da! Inzwischen trugen sie das Licht in sich. Ihnen oblag es nun, es zu hüten und zu nähren in der ständigen Erinnerung an Christus, an sein heiliges Angesicht, an seine unbeschreibliche Liebe.“ (Benedikt XVI, Ansprache beim Weltjugendtag 2005).

Die Eigenart ihrer Sendung spricht uns besonders heute an. Im Buch über „die Kindheitsgeschichten“ (Vorwort zu Jesus von Nazareth) sagt Papst Benedikt über diese Männer, „dass sie das Zugehen der Religionen auf Christus wie auch die Selbstüberschreitung der Wissenschaft auf ihn hin darstellen Sie stehen irgendwie im Gefolge Abrahams, der auf den Ruf Gottes hin auszieht. Sie stehen auf andere Weise im Gefolge des Sokrates und seines Fragens über die vorgegebene Religion hinaus nach der größeren Wahrheit. In diesem Sinne sind diese Gestalten Vorläufer, Wegbereiter, Wahrheitssucher, die alle Zeiten angehen.“(S. 105)

Ein Stück weiter heißt es: „Die Weisen aus dem Osten sind ein Anfang. Sie stehen für den Aufbruch der Menschheit auf Christus hin. Sie eröffnen eine Prozession, die durch die ganze Geschichte hindurchzieht. Sie stehen nicht nur für die Menschen, die zu Christus gefunden haben. Sie stehen für die innere Erwartung des menschlichen Geistes, für die Bewegung der Religionen und der menschlichen Vernunft auf Christus zu.“ (ebda.)

Eine neue Epiphanie für Ahnungslose

Der Papst nahm auf die Neuevangelisierung als Sendung Bezug in einer Ansprache an die römische Kurie um Weihnachten 2009: „Viele, die sich als Agnostiker oder als Atheisten ansehen, erschrecken vielleicht, wenn wir von neuer Evangelisierung sprechen.

Sie wollen sich nicht als Objekt von Mission sehen und ihre Freiheit des Denkens und des Wollens nicht preisgeben. Aber die Frage nach Gott bleibt doch auch für sie gegenwärtig, auch wenn sie an die konkrete Weise seiner Zuwendung zu uns nicht glauben können. (...) Als ersten Schritt von Evangelisierung müssen wir versuchen, diese Suche wach zu halten; uns darum mühen, dass der Mensch die Gottesfrage als wesentliche Frage seiner Existenz nicht beiseite schiebt. Dass er die Frage und die Sehnsucht annimmt, die darin sich verbirgt."

Der Papst ergänzte seine Ausführungen mit dem Wort, das Jesus aus dem Propheten Jesaja zitiert, dass der Tempel von Jerusalem ein Gebetshaus für alle Völker sein solle (Jes 56,7; Mk 11,17)

„Gebetsraum für alle Völker – dabei war an Menschen gedacht, die Gott sozusagen nur von ferne kennen; die mit ihren Göttern, Riten und Mythen unzufrieden sind; die das Reine und Große ersehnen, auch wenn Gott für sie der »unbekannte Gott« bleibt (Apg 17,23). Sie sollten zum unbekannten Gott beten können und damit doch mit dem wirklichen Gott in Verbindung sein, wenn auch in vielerlei Dunkelheit. Ich denke, so eine Art »Vorhof der Heiden« müsse die Kirche auch heute auftun, wo Menschen irgendwie sich an Gott anhängen können, ohne ihn zu kennen und ehe sie den Zugang zum Geheimnis gefunden haben, dem das innere Leben der Kirche dient. Zum Dialog der Religionen muss heute vor allem auch das Gespräch mit denen hinzutreten, denen die Religionen fremd sind, denen Gott unbekannt ist und die doch nicht einfach ohne Gott bleiben, ihn wenigstens als Unbekannten dennoch anrühren möchte.“

Es sind Impulse, die wir auf unsere Gegenwart übertragen können, während wir betend versuchen uns jene Weisen vorzustellen, die in eine Dunkelheit zurückkehren, die sie erhellen wollen. Sie werden ganz einfach zuerst ihren zuhause verbliebenen Astronomen-Kollegen von jenem anderen Licht erzählt haben, das das Körperliche durchstößt und ins Herz reicht, um dort als Gute Nachricht den Lebensweg zu erhellen, alle Ahnungen des Herzens bestätigend und bekräftigend. Wir dürfen dies Neuevangelisierung nennen im Wissen, dass das Wort kein Fachausdruck für einen Sonderauftrag ist, sondern einfach der von den Weisen aus dem Morgenlande erschaute Versuch, vielen zu zeigen, wie man den Alltag zum stillen Leuchten bringen kann.