Ein Gebet wie Musik

Heute einen Rosengarten pflanzen - Zum Rosenkranzmonat Oktober eine Betrachtung von Josef Arquer

Betrachtungen zum Kirchenjahr von Josef Arquer
Opus Dei - Ein Gebet wie Musik

Die Zeiten am Anfang des 15. Jahrhunderts waren Zeiten von Not und Chaos. Der "schwarze Tod" – die Pest – fegte alle paar Jahre über Europa hinweg, drei Könige kämpften um die deutsche Kaiserkrone, und zeitweilig stritten drei Päpste um die geistliche Gewalt in einer durch das Große Abendländische Schisma gespaltenen Kirche.

Aber der junge Mann mit dem vornehmen Namen Dominikus von Preußen, der eines Tages die Trierer Kartause aufsuchte, spürte weniger diese allgemeinen Nöte als das Getriebensein eines Suchenden, der mit seinem bisherigen Leben unzufrieden war. Bald nach seinem Eintritt in den Orden merkte er, dass die Eingewöhnung in das strenge Leben der Kartäuser nicht leicht war, und er wähnte sich wieder in einer Sackgasse. Aber diesmal brauchte er seine Sorgen nicht allein zu tragen, der Prior des Klosters, Adolf von Essen, half ihm, seine Depressionen zu überwinden. Er befreite ihn vom Druck eines – wie Dominikus meinte – fruchtlosen Betens, indem er ihm vorschlug, es wie die einfachen Leute zu tun, die in ihrer Unbelesenheit keine Psalmen beten konnten und die Mutter Gottes immer wieder mit dem leicht verständlichen Ave Maria grüßten. Und Adolf gab Dominikus die Anregung, bei Beten Szenen aus dem Leben Jesu an sich vorüber ziehen zu lassen. Dominikus tat es so und schrieb sich kurze Merksätze auf, um das Miteinander von Beten und Betrachten zu erleichtern. Damit war der Kern des Rosenkranzes entstanden.

Die tragenden Pfeiler des Rosenkranzes sind christliche Grundgebete: "Das Vaterunser", das mit Worten Jesu Zugang zum Vater eröffnet; das "Gegrüßet seist Du Maria", das – sehr menschlich – Gruß und Bitte ist; und das "Ehre sei…", das auf das Ziel jeden Lebens hinweist. Von außen her betrachtet liegt es nahe, die starke Struktur und die Einfallslosigkeit dieser Gebetsform zu beklagen. Von innen her erfahren – betend also –, wird man gewahr, dass der Einfallsreichtum woanders liegt: nicht beim Suchen nach immer neuen Wendungen, sondern beim Vortragen der immer gleichen Worte, als wären sie ein Lied, mit stets wechselnder Melodie. Während die Finger am Instrument – der Perlenkette – gleiten, klingen die Worte jeweils anders. Einmal schafft die Wiederholung ein sich weitendes Echo, das immer tiefer ins Innere einsinkt, ein anderes Mal hilft sie bei einer Szene aus dem Leben Jesu verweilen, als möchte man sie mit den Augen Mariens sehen. Andere Male vergegenwärtigt man sich während des Sprechens der Worte ein bestimmtes persönliches Anliegen – Gebet für den Freund oder die Freundin, Dank für eine Wohltat, Bitte um Licht. Unmerklich geht das Individuelle ins Ganze ein, die private Not in die Not des Erlösers aller. Natürlich kann man dabei den Worten, die man spricht, nicht die volle Aufmerksamkeit schenken, dennoch entsteht durch sie ein von Alltagsbetrieb gesonderter Raum, ähnlich wohltuend wie die Hintergrundmusik bei einem Gespräch mit Freunden.

Viele theoretische Einwände gegen den Rosenkranz verschwinden, sobald man versucht, schlicht das Beten zu probieren. Zuerst geht einem auf, dass Beten nicht Mitteilung von Neuigkeiten an Gott ist, sondern ein Verweilen bei ihm und das Geständnis, dass wir hilfsbedürftig sind und ihn brauchen. Dann lässt die Erfahrung des unvollkommenen Betens allmählich den Ehrgeiz schwinden, mit einer vollkommenen Leistung – frei von Zerstreuungen und in absoluter Konzentration – aufzuwarten. Und schließlich setzt sich die demütige Einsicht durch, dass es eigentlich darum geht, Gott den guten Willen, die erbärmliche Schwäche und ein wenig Zeit darzubringen.

Die elegante Zurücknahme eigener Selbstgeltung in solch einer persönlichen Kleinigkeit öffnet den Blick um auch große Ereignisse der Geschichte nicht bloß politisch zu sehen, sondern auch tiefer im Licht des Glaubens. So kann man in heilsgeschichtlicher Perspektive Maria als Auxilium Christianorum bei den Ereignissen, auf die wir an diesen Tagen, fünfundzwanzig Jahre danach, dankbar zurückblicken, weil die damaligen machtpolitische Umwälzungen in Europa weitgehend friedlich abliefen. Dies war die Perspektive von Papst Johannes Paul II, der 1987/88 der Kirche zur Einstimmung auf das Dritte Jahrtausend ein Marianisches Jahr geschenkt hatte. Im Jahre 1994 schrieb er rückblickend, jenes besondere Marienjahr sei „den Ereignissen des Jahres 1989 unmittelbar vorausgegangen. Es sind Geschehnisse, die uns wegen ihres Umfanges und besonders wegen ihres raschen Ablaufes in Erstaunen versetzen müssen." (Apostolisches Schreiben Tertio millenio adveniente, Nr. 27).

Der Prior der Trierer Kartause wird dem ihm anvertrauten Jugendlichen nichts von den Kämpfen und Querelen von damals gesagt haben. Wir dürfen uns vorstellen, dass er im Garten des Klosters spazierend, auf die Rosen zeigend, dem jungen Mann den Namen jenes Gebetes verraten haben: Rosarium, Rosengarten. Der junge Mann wusste: Es war das Wort, das man damals nur für die einfühlsamen Liebeslieder der adeligen Kultur verwendete.

Josep Arquer