Amoris Laetitia, über die Liebe in der Familie - ein Überblick

Wir geben hier die offizielle Zusammenfassung der heute veröffentlichten apostolischen Exhortation "Amoris Laetitia" von Papst Franziskus über die menschliche Liebe wieder.

von Papst und Kirche
Opus Dei - Amoris Laetitia, über die Liebe in der Familie - ein Überblick

Aus Anlass der Veröffentlichung des Textes fordert der Prälat des Opus Dei dazu auf, "dass wir alle lernen, die Familien mehr und besser zu begleiten".

Der Volltext der Exhortation ist hier abrufbar.

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Zusammenfassung durch den Pressesaal des Heiligen Stuhls:

Einleitung:

„Amoris Laetitia” (AL - „Die Freude der Liebe, die in den Familien gelebt wird”), ist der Name der postsynodalen Apostolischen Exhortation über die Liebe in der Familie. Sie wurde am 19. März, dem Hochfest des Heiligen Josef, unterzeichnet und trägt die Ergebnisse der beiden Versammlungen der Bischofssynode zur Familie zusammen, welche von Papst Franziskus 2014 und 2015 zusammen gerufen wurden. Die Abschlusstexte der Synoden werden vom Papst ausführlich zitiert, gemeinsam mit Dokumenten und Lehraussagen seiner Vorgänger, außerdem seine zahlreichen eigenen Katechesen zur Familie. Außerdem, wie es bereits bei anderen Lehrschreiben der Fall war, greift der Papst auch auf Äußerungen verschiedener Bischofskonferenzen zurück (Kenia, Australien, Argentinien …) und zitiert bedeutende Persönlichkeiten wie Martin Luther King oder Erich Fromm. Besonders ist die Erwähnung eines Films - Babettes Fest - den der Papst nennt, um auf das selbstlose Schenken hinzuweisen.

Die Apostolische Exhortation beeindruckt durch ihre Fülle und Ausdrucksweise. Sie ist in neun Kapitel eingeteilt und umfasst mehr als 300 Abschnitte. Der Text beginnt mit sieben einleitenden Abschnitten, welche das Bewusstsein um die Komplexität des Themas und die dafür nötige Vertiefung darlegen. Sie bestätigen, dass die Beiträge der Teilnehmer der Synode einen „kostbaren Polyeder“ (AL 4) ergeben haben, der erhalten bleibt. In diesem Sinn schreibt der Papst, dass „nicht alle doktrinellen, moralischen oder pastoralen Diskussionen durch ein lehramtliches Eingreifen entschieden werden müssen“ (AL 3). Also „können in jedem Land oder jeder Region besser inkulturierte Lösungen gesucht werden, welche die örtlichen Traditionen und Herausforderungen berücksichtigen. Denn »die Kulturen [sind] untereinander sehr verschieden, und jeder allgemeine Grundsatz […] muss inkulturiert werden, wenn er beachtet und angewendet werden soll«“ (ebd.). Dieses Prinzip der Inkulturation wird dann auch bei der Weise wichtig, die Probleme darzulegen und zu verstehen, die jenseits dogmatischer Fragen, die durch das Lehramt der Kirche entschieden sind, nicht „globalisiert“ werden können.

Vor allem aber betont der Papst gleich zu Beginn und sehr deutlich, dass es gilt, aus dem sterilen Gegensatz zwischen Angst vor dem Wandel und reiner und schlichter Anwendung abstrakter Normen heraus zu kommen. Er schreibt: „Die Debatten, wie sie in den Medien oder in Veröffentlichungen und auch unter kirchlichen Amtsträgern geführt werden, reichen von einem ungezügelten Verlangen, ohne ausreichende Reflexion oder Begründung alles zu verändern, bis zu der Einstellung, alles durch die Anwendung genereller Regelungen oder durch die Herleitung übertriebener Schlussfolgerungen aus einigen theologischen Überlegungen lösen zu wollen“ (AL 2).

Erstes Kapitel: Im Licht des Wortes

Nach der Einleitung beginnt der Papst seine Reflexion des Themas bei der Heiligen Schrift. Das erste Kapitel entwickelt sich anhand einer Meditation über den Psalm 128, der in Tradition der Eheliturgie des Judentums und dann auch des Christentums bedeutsam ist. Die Schrift „ist bevölkert mit Familien, mit Generationen, sie ist voller Geschichten der Liebe wie auch der Familienkrisen“ (AL 8). Von da aus kann man dann die Familie betrachten, nicht als abstraktes Ideal, sondern als „handwerkliche Aufgabe“ (AL 16), die zärtlich angegangen wird (AL 28), die aber gleich von Beginn an auch mit der Sünde konfrontiert wird, als die Beziehung aus Liebe sich in einer der Dominanz verwandelt (vgl. AL 19). „In diesem kurzen Überblick können wir feststellen, dass das Wort Gottes sich nicht als eine Folge abstrakter Thesen erweist, sondern als ein Reisegefährte auch für die Familien, die sich in einer Krise oder inmitten irgendeines Leides befinden. Es zeigt ihnen das Ziel des Weges“ (AL 22).

Zweites Kapitel: Die Wirklichkeit und die Herausforderungen der Familie

So ausgehend von der Schrift betrachtet der Papst im zweiten Kapitel die aktuellen Situationen der Familien, mit „Bodenhaftung“ (AL 6). Dabei greift er ausführlich auf die Abschlusstexte der beiden Synoden zurück und beschreibt zahlreiche Herausforderungen, von der Migration über die ideologische Ablehnung der Geschlechterdifferenz („Gender-Ideologie“); von der Kultur des Provisorischen zu einer Mentalität, die sich gegen Geburt und Kinder richtet und zum Einfluss der Bio-Technologien auf dem Gebiet der Fruchtbarkeit; von Wohnungs- und Arbeitsplatzmangel bis zur Pornografie und zum Missbrauch Minderjähriger; von der Aufmerksamkeit für Menschen mit Behinderung bis zum Respekt für alte Menschen; von der juristischen Dekonstruktion der Familie bis zur Gewalt gegen Frauen. Der Papst betont die Konkretheit, Konkretheit ist einer der Zentralbegriffe der Exhortation. Es sind diese Konkretheit und der Realismus, die den Unterschied ausmachen zwischen der „Theorie“ der Interpretation der Realität und den „Ideologien“.

Familiaris Consortio zitierend betont der Papst, dass es heilsam ist „auf die konkrete Wirklichkeit zu achten, denn »die Forderungen und Anrufe des göttlichen Geistes sprechen auch aus den Ereignissen der Geschichte«, durch die »die Kirche […] zu einer tieferen Kenntnis des unerschöpflichen Mysteriums der Ehe und Familie geführt werden kann«“ (AL 31). Ohne Aufmerksamkeit für die Realität kann man weder die Notwendigkeiten der Gegenwart noch den Ruf des Heiligen Geistes verstehen. Der Papst weist darauf hin, dass der verschärfte Individualismus von heute es Menschen schwer macht, sich einem Anderen großzügig und ganz und gar zu schenken (vgl. AL 33). „Man fürchtet die Einsamkeit, man wünscht sich einen Raum des Schutzes und der Treue, doch zugleich wächst die Furcht, gefangen zu sein durch eine Beziehung, die das Erreichen der persönlichen Bestrebungen zurückstellen könnte“ (AL 349.

Die Demut des Realismus helfe dabei, „ein allzu abstraktes theologisches Ideal der Ehe (..), das fast künstlich konstruiert und weit von der konkreten Situation und den tatsächlichen Möglichkeiten der realen Familien entfernt ist“, zu vermeiden (AL 36). Der Idealismus lässt nicht die Ehe als das betrachten, was sie ist, nämlich ein „ dynamischen Weg der Entwicklung und Verwirklichung“ (AL 37). Ebensowenig lassen sich Familien „allein mit dem Beharren auf doktrinellen, bioethischen und moralischen Fragen und ohne dazu anzuregen, sich der Gnade zu öffnen“ erhalten (ebd.). Der Papst lädt zu einer Selbstkritik zur Frage ein, ob Familie und Ehe nicht richtig dargestellt wurden und besteht darauf, dass es notwendig ist, dem Gewissen der Gläubigen Raum zu lassen: „Wir sind berufen, die Gewissen zu bilden, nicht aber dazu, den Anspruch zu erheben, sie zu ersetzen.“ (ebd.). Jesus legte ein anspruchsvolles Ideal vor, zugleich hat er aber „ niemals die mitfühlende Nähe zu den Schwachen wie der Samariterin und der Ehebrecherin verloren“ (AL 38).

Drittes Kapitel: Auf Jesus schauen - die Berufung der Familie

Das dritte Kapitel ist einigen Elementen der Lehre der Kirche zu Ehe und Familie gewidmet. Es ist wichtig, weil es zusammenfassend in 30 Abschnitten die Berufung der Familie, wie das Evangelium es lehrt, ausdrückt und wie die Kirche es aufgenommen hat, vor allem was die Unauflöslichkeit, die Sakramentalität, die Weitergabe des Lebens und die Erziehung der Kinder angeht. Die Dokumente Gaudium et Spes des Zweiten Vatikanischen Konzils, Humanae Vitae von Papst Paul VI. und Familiaris Consortio von Papst Johannes Paul II. werden ausgiebig zitiert.

Der Blick ist weit und schießt auch die „unvollkommenen Situationen“ ein. Wir lesen: „ »Die Unterscheidung des Vorhandenseins der semina Verbi in den anderen Kulturen (vgl. Ad gentes, 11) kann auch auf die Realität von Ehe und Familie angewandt werden. Über die wahre Naturehe hinaus gibt es wertvolle Elemente in den Eheformen anderer religiöser Traditionen«, auch wenn es ebenso Schattenseiten gibt“ (AL 77). Die Reflexion schließt auch die „verletzten Familien“ ein, zu denen der Papst die Relatio Finalis der Synode von 2015 zitierend sagt: Es „muss immer ein allgemeines Prinzip in Erinnerung gerufen werden: „Die Hirten mögen beherzigen, dass sie um der Liebe willen zur Wahrheit verpflichtet sind, die verschiedenen Situationen gut zu unterscheiden“ (Familiaris consortio, 84). Der Grad der Verantwortung ist nicht in allen Fällen gleich, und es kann Faktoren geben, die die Entscheidungsfähigkeit begrenzen. Daher sind, während die Lehre klar zum Ausdruck gebracht wird, Urteile zu vermeiden, welche die Komplexität der verschiedenen Situationen nicht berücksichtigen. Es ist erforderlich, auf die Art und Weise zu achten, in der die Menschen leben und aufgrund ihres Zustands leiden“ (AL 79).

Viertes Kapitel: Die Liebe in der Ehe

Das vierte Kapitel handelt von der Liebe in der Ehe und diese wird anhand des Hohenlieds der Liebe des Apostel Paulus aus dem Ersten Korintherbrief (13:4-7) ausgelegt. Dieses Kapitel ist eine echte und eigenständige aufmerksame Exegese, sie ist genau und vom Paulustext inspiriert. Wir können sagen, dass es sich hierbei um eine Sammlung von Einzelstücken aus einem Liebesdiskurs handelt, der versucht, die menschliche Liebe in konkreten Begriffen auszudrücken. Diese Exegese strahlt eine große Fähigkeit zu psychologischer Introspektion aus. Die psychologische Vertiefung des Themas betrifft dabei die Welt der Emotionen der Eheleute - positive und negative - und die Dimension der Erotik. Es ist ein sehr fruchtbarer und kostbarer Beitrag zum christlichen Leben der Eheleute, der in den bisherigen päpstlichen Dokumenten seinesgleichen sucht.

Auf seine Art und Weise ist dieses Kapitel ein kleiner Traktat innerhalb der weiteren Behandlung des Themas, es ist sich immer bewusst, wie sehr im Alltag die Liebe verwurzelt ist und bleibt Feind jedes Idealismus: „Man sollte nicht zwei begrenzten Menschen die gewaltige Last aufladen, in vollkommener Weise die Vereinigung nachzubilden, die zwischen Christus und seiner Kirche besteht, denn die Ehe als Zeichen beinhaltet einen »dynamischen Prozess von Stufe zu Stufe entsprechend der fortschreitenden Hereinnahme der Gaben Gottes«“ (AL 122). Aber gleichzeitig besteht der Papst auf klare und deutliche Weise auf der Tatsache, dass „ im Wesen der ehelichen Liebe selbst die Öffnung auf die Endgültigkeit hin vorhanden ist“ (AL 123), und zwar in der ganzen Weite der Ehe, im „Miteinander von Wonnen und Mühen, von Spannungen und Erholung, von Leiden und Befreiung, von Befriedigung und Streben, von Missbehagen und Vergnügen“ (AL 126).

Das Kapitel schließt mit einer wichtigen Reflexion über die „Verwandlung der Liebe“, denn: „Die Verlängerung des Lebens lässt ein Phänomen entstehen, das in vergangenen Zeiten eher ungewöhnlich war: Die vertraute Beziehung und die gegenseitige Zugehörigkeit müssen über vier, fünf oder sechs Jahrzehnte hin bewahrt werden, und das wird zu einer Notwendigkeit, einander immer wieder neu zu erwählen“ (AL 163). Der physische Aspekt und die gegenseitige liebende Anziehung wird nicht weniger, aber sie wandelt sich: der sexuelle Trieb kann sich über die Zeit in ein Verlangen nach Einmütigkeit verwandeln. „ Wir können einander nicht versprechen, das ganze Leben hindurch die gleichen Gefühle zu haben. Stattdessen können wir aber sehr wohl ein festes gemeinsames Vorhaben teilen, uns verpflichten, einander zu lieben und vereint zu leben, bis der Tod uns scheidet, und immer in reicher Vertrautheit leben“ (ebd.).

Fünftes Kapitel: Die Liebe, die fruchtbar wird

Dieses fünfte Kapitel dreht sich um Fruchtbarkeit und die lebensspendende Dimension der Liebe. Es spricht auf geistliche und psychologisch tiefe Weise von der Annahme des neuen Lebens, von der Erwartung in der Schwangerschaft und von der Vater- und Mutterliebe. Es behandelt das Thema aber auch erweitert und spricht von Adoption, von der Annahme des Beitrages von Familien zu einer „Kultur der Begegnung“, vom Leben in der weiter gefassten Familie mit Onkeln, Cousinen, Großeltern Freunden. Amoris Laetitia spricht nicht von Kleinfamilien, denn das Dokument ist sich der Familie als weites Netz von Beziehungen bewusst. Das Geheimnis der Sakramentalität der Ehe hat auch einen zutiefst sozialen Charakter (AL 186). In dieser sozialen Dimension unterstreicht der Papst besonders die Rolle der Beziehungen zwischen jungen und alten Menschen und die Beziehung zwischen Bruder und Schwester als „Lehrzeit“ für das Wachsen in den Beziehungen zu den Anderen.

Sechstes Kapitel: Einige pastorale Perspektiven

Im sechsten Kapitel behandelt der Papst einige pastorale Wege, die dabei helfen, stabile und fruchtbare Familien nach dem Plan Gottes aufzubauen. In diesem Teil der Exhortation greift er ausführlich auf die Abschlussdokumente der beiden Synoden und auf die Katechesen - seine eigenen und die von Papst Johannes Paul II. - zurück. Er betont, dass die Familien Subjekte, nicht nur Objekte, der Verkündigung sind. Der Papst stellt fest, „ dass es den geweihten Amtsträgern gewöhnlich an einer geeigneten Ausbildung fehlt, um mit den vielschichtigen aktuellen Problemen der Familien umzugehen“ (AL 202). Auf der einen Seite muss die psycho-affektive Ausbildung der Seminaristen verbessert werden und dazu Familien in die Ausbildung zum Dienst integriert werden (vgl. AL 203), auf der anderen Seite „kann auch die Erfahrung der langen östlichen Tradition der verheirateten Priester nützlich sein“ (AL 202).

Dann spricht der Papst über die Themen der Begleitung der Verlobten auf dem Weg der Vorbereitung zur Ehe, über die Begleitung der Verheirateten während der ersten Jahre des Ehelebens (was auch das Thema der verantwortlichen Elternschaft einschließt), aber auch über einige komplexe Situationen und besonders Krisen, „jede Krise bedeutet eine Lehrzeit, die erlaubt, die Intensität des miteinander geteilten Lebens zu vertiefen oder zumindest einen neuen Sinn in der Eheerfahrung zu finden“ (AL 232). Es werden einige Gründe für Krisen analysiert, unter anderem eine nicht voll entwickelte emotionale Reife (vgl. AL 239).

Außerdem spricht der Papst von der Begleitung verlassener Menschen, getrennt lebend oder geschieden, und er betont die Wichtigkeit der jüngsten Reform der Verfahren zur Feststellung einer möglichen Ehenichtigkeit. Der Papst betont das Leiden der Kinder in Situationen des Konfliktes und schließt daraus: „Die Scheidung ist ein Übel, und es ist sehr beunruhigend, dass die Anzahl der Scheidungen zunimmt. Darum besteht zweifellos unsere wichtigste pastorale Aufgabe in Bezug auf die Familien darin, die Liebe zu stärken und zur Heilung der Wunden beizutragen, so dass wir dem Vordringen dieses Dramas unserer Zeit vorbeugen können“ (AL 246). Darauf geht es um gemischt-konfessionelle Ehen und um Familien mit homosexuellen Mitgliedern, wobei er die Bedeutung des Respektes im Umgang mit ihnen betont und die Ablehnung jeder ungerechten Diskriminierung und jeder Form von Aggression und Gewalt. Pastoral kostbar ist der Abschlussteil dieses Kapitels: „Wenn der Stachel des Todes eindringt“, über die Themen Verlust eines geliebten Menschen und Witwenschaft.

Siebtes Kapitel: Die Erziehung der Kinder stärken

Das siebte Kapitel ist vollständig der Erziehung der Kinder gewidmet: es geht um ihre ethische Ausbildung, den Wert von Sanktionen als Anreiz, den geduldige Realismus, die Sexualerziehung, die Weitergabe des Glaubens, und vor allem allgemeiner um das Familienleben im Zusammenhang der Erziehung. Interessant ist die praktische Vernunft, die in jedem Abschnitt deutlich wird, vor allem die Aufmerksamkeit für die Gradualität und die kleinen Schritte, „die verstanden, akzeptiert und gewürdigt werden können“ (AL 271).

Im Kapitel ist ein besonders bezeichnender und pädagogisch grundlegender Absatz enthalten, in dem Papst Franziskus etwas klar betont: „übertriebene Sorge nicht erzieht und man kann nicht alle Situationen, in die ein Kind geraten könnte, unter Kontrolle haben. (..) Wenn ein Vater versessen darauf ist zu wissen, wo sein Sohn ist, und alle seine Bewegungen zu kontrollieren, wird er nur bestrebt sein, dessen Raum zu beherrschen. Auf diese Weise wird er ihn nicht erziehen, er wird ihn nicht stärken und ihn nicht darauf vorbereiten, Herausforderungen die Stirn zu bieten. Worauf es ankommt, ist vor allem, mit viel Liebe im Sohn Prozesse der Reifung seiner Freiheit, der Befähigung, des ganzheitlichen Wachstums und der Pflege der echten Selbständigkeit auszulösen.

Bemerkenswert ist der Teil, welcher der Sexualerziehung gewidmet ist und der sehr ausdrucksstark „Ja zur Sexualerziehung“ heißt. Er betont ihre Notwendigkeit und fragt „ob unsere Erziehungseinrichtungen diese Herausforderung angenommen haben“ (AL 280). Der Papst warnt vor dem Begriff „sicherer Sex“, dieser Ausdruck vermittelt „eine negative Haltung gegenüber dem natürlichen Zeugungszweck der Geschlechtlichkeit, als sei ein eventuelles Kind ein Feind, vor dem man sich schützen muss. So wird die narzisstische Aggressivität anstatt einer Annahme gefördert“ (AL 283).

Achtes Kapitel: Die Zerbrechlichkeit begleiten, unterscheiden und eingliedern

Das achte Kapitel ist eine Einladung zu Barmherzigkeit und pastoraler Unterscheidung angesichts von Situationen, die nicht voll dem entsprechen, was der Herr geboten hat. Der Papst nutzt hier drei sehr bedeutsame Verben: „begleiten, unterscheiden und eingliedern“, die grundlegend sind für Situationen von Zerbrechlichkeit, Komplexität oder so genannten „irregulären“ Situationen. Der Papst betont die Notwendigkeit von Gradualität in der Pastoral, die Wichtigkeit von Unterscheidung, die in einer Unterscheidung einzubeziehenden Normen und Umstände, und zuletzt definiert er eine „Logik der pastoralen Barmherzigkeit“.

Das achte Kapitel ist sehr heikel. Um es verstehen zu können muss man sich daran erinnern, „dass die Aufgabe der Kirche oftmals der eines Feldlazaretts gleicht“ (AL 291). Hier greift der Papst das auf, was die Ergebnisse der Reflexionen der Synode über kontroverse Themen waren. Er bekräftigt, was eine christliche Ehe ist und betont, „Andere Formen der Vereinigung widersprechen diesem Ideal von Grund auf, doch manche verwirklichen es zumindest teilweise und analog. Die Synodenväter haben betont, dass die Kirche nicht unterlässt, die konstitutiven Elemente in jenen Situationen zu würdigen, die noch nicht oder nicht mehr in Übereinstimmung mit ihrer Lehre von der Ehe sind.“ (AL 292).

Was die „Unterscheidung“ in „irregulären“ [im Text ist das Wort immer in Anführungszeichen gesetzt] Situationen angeht, sagt der Papst: „Daher sind […] Urteile zu vermeiden, welche die Komplexität der verschiedenen Situationen nicht berücksichtigen. Es ist erforderlich, auf die Art und Weise zu achten, in der die Menschen leben und aufgrund ihres Zustands leiden“ (AL 296). Und er fährt fort: „ Es geht darum, alle einzugliedern; man muss jedem Einzelnen helfen, seinen eigenen Weg zu finden, an der kirchlichen Gemeinschaft teilzuhaben, damit er sich als Empfänger einer »unverdienten, bedingungslosen und gegenleistungsfreien« Barmherzigkeit empfindet“ (AL 297). Oder hier: „Die Geschiedenen in einer neuen Verbindung, zum Beispiel, können sich in sehr unterschiedlichen Situationen befinden, die nicht katalogisiert oder in allzu starre Aussagen eingeschlossen werden dürfen, ohne einer angemessenen persönlichen und pastoralen Unterscheidung Raum zu geben“ (AL 298).

Auf dieser Linie greift der Papst die Beiträge vieler Synodenväter auf und sagt, dass „Getaufte, die geschieden und zivil wiederverheiratet sind, […] auf die verschiedenen möglichen Weisen stärker in die Gemeinschaft integriert werden [müssen], wobei zu vermeiden ist, jedwelchen Anstoß zu erregen. (…) Ihre Teilnahme kann in verschiedenen kirchlichen Diensten zum Ausdruck kommen. (…) Sie sollen sich nicht nur als nicht exkommuniziert fühlen, sondern können als lebendige Glieder der Kirche leben und reifen. (…) Diese Integration ist auch notwendig für die Sorge und die christliche Erziehung ihrer Kinder, die als das Wichtigste anzusehen sind“ (AL 299).

Etwas allgemeiner macht der Papst eine Feststellung, die sehr wichtig ist um die Orientierung und den Sinn der Exhortation verstehen zu können: „Wenn man die zahllosen Unterschiede der konkreten Situationen (…) berücksichtigt, kann man verstehen, dass man von der Synode oder von diesem Schreiben keine neue, auf alle Fälle anzuwendende generelle gesetzliche Regelung kanonischer Art erwarten durfte. Es ist nur möglich, eine neue Ermutigung auszudrücken zu einer verantwortungsvollen persönlichen und pastoralen Unterscheidung der je spezifischen Fälle. Und da »der Grad der Verantwortung […] nicht in allen Fällen gleich [ist]«, müsste diese Unterscheidung anerkennen, dass die Konsequenzen oder Wirkungen einer Norm nicht notwendig immer dieselben sein müssen“ (300).

Der Papst entwickelt vertiefend Anforderungen und Charakteristiken des Weges der Begleitung und der Unterscheidung in einem vertiefenden Dialog zwischen Hirt und Gläubigen. Dazu verweist er auf die Gedanken der Kirche zu „mildernden Bedingungen und Umständen“, was die Schuldfähigkeit und die Verantwortung für das eigene Handeln angeht. Sich auf den heiligen Thomas von Aquin berufend, der sich mit der Beziehung zwischen Normen und Unterscheidung befasst, bekräftigt er: „Es ist wahr, dass die allgemeinen Normen ein Gut darstellen, das man niemals außer Acht lassen oder vernachlässigen darf, doch in ihren Formulierungen können sie unmöglich alle Sondersituationen umfassen. Zugleich muss gesagt werden, dass genau aus diesem Grund das, was Teil einer praktischen Unterscheidung angesichts einer Sondersituation ist, nicht in den Rang einer Norm erhoben werden kann“ (AL 304).

Im abschließenden Teil des Kapitels, „die Logik der pastoralen Barmherzigkeit“, bekräftigt der Papst sehr deutlich um Zweideutigkeiten zu vermeiden: „Außergewöhnliche Situationen zu verstehen bedeutet niemals, das Licht des vollkommeneren Ideals zu verdunkeln, und auch nicht, weniger anzuempfehlen als das, was Jesus dem Menschen anbietet. Wichtiger als eine Seelsorge der Gescheiterten ist heute das pastorale Bemühen, die Ehen zu festigen und so den Brüchen zuvorzukommen“ (AL 307).

Aber der gesamte Sinn des Kapitels und den Geist, den Papst Franziskus der Pastoral der Kirche mitgeben will, wird mit diesen abschließenden Worten gut erfasst: „Ich lade die Gläubigen, die in komplexen Situationen leben, ein, vertrauensvoll auf ein Gespräch mit ihren Hirten oder mit anderen Laien zuzugehen, die ihr Leben dem Herrn geschenkt haben. Nicht immer werden sie bei ihnen die Bestätigung ihrer eigenen Vorstellungen und Wünsche finden, doch sicher werden sie ein Licht empfangen, das ihnen erlaubt, ihre Situation besser zu verstehen, und sie werden einen Weg der persönlichen Reifung entdecken. Und ich lade die Hirten ein, liebevoll und gelassen zuzuhören, mit dem aufrichtigen Wunsch, mitten in das Drama der Menschen einzutreten und ihren Gesichtspunkt zu verstehen, um ihnen zu helfen, besser zu leben und ihren eigenen Ort in der Kirche zu erkennen“ (AL 312). Zur „Logik der barmherzigen Pastoral betont Papst Franziskus sehr deutlich: „ Manchmal fällt es uns schwer, der bedingungslosen Liebe in der Seelsorge Raum zu geben. Wir stellen der Barmherzigkeit so viele Bedingungen, dass wir sie gleichsam aushöhlen und sie um ihren konkreten Sinn und ihre reale Bedeutung bringen, und das ist die übelste Weise, das Evangelium zu verflüssigen“ (AL 311).

Neuntes Kapitel: Spiritualität in Ehe und Familie

Das neunte Kapitel ist der Spiritualität in Ehe und Familie gewidmet, die „aus Tausenden von realen und konkreten Gesten“ besteht (AL 315). Mit Deutlichkeit heißt es, dass „wer also ein tiefes Verlangen nach Spiritualität hat, soll nicht meinen, die Familie halte ihn von einem Wachstum im Leben des Geistes fern; sie ist vielmehr ein Weg, den der Herr verwendet, um ihn auf die Gipfel der mystischen Vereinigung zu führen“ (AL 316). Alles, „die Momente der Freude, der Erholung oder des Festes und auch die Sexualität [werden] als eine Teilhabe an der Fülle des Lebens in seiner Auferstehung erlebt“ (AS 317).

Es geht also um das Gebet im Licht des Osterfestes, um eine Spiritualität der ausschließlichen und freien Liebe in der Herausforderung des gemeinsam älter Werdens und sich aufreibend, die Treue Gottes immer im Blick (vgl. AL 319). Es ist letztlich die „Spiritualität der Fürsorge, des Trostes und des Ansporns“. „Das ganze Leben der Familie ist ein barmherziges „Weiden und Hüten“. Behutsam malt und schreibt jeder in das Leben des anderen ein“ (AL 322), so der Papst. „ Es ist eine tiefe geistliche Erfahrung, jeden geliebten Menschen mit den Augen Gottes zu betrachten und in ihm Christus zu erkennen“ (AL 323).

Im abschließenden Abschnitt beteuert der Papst: „keine Familie (ist) eine himmlische Wirklichkeit und ein für alle Mal gestaltet, sondern sie verlangt eine fortschreitende Reifung ihrer Liebesfähigkeit. (…) Alle sind wir aufgerufen, das Streben nach etwas, das über uns selbst und unsere Grenzen hinausgeht, lebendig zu erhalten, und jede Familie muss in diesem ständigen Anreiz leben. Gehen wir voran als Familien, bleiben wir unterwegs! (…) Verzweifeln wir nicht an unseren Begrenztheiten, doch verzichten wir ebenso wenig darauf, nach der Fülle der Liebe und der Communio zu streben, die uns verheißen ist“ (AL 325). Die Exhortation endet mit einem Gebet zur Heiligen Familie (AL 325).

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Wenn es überhaupt möglich sein sollte, von einer schnellen Lesung der Inhalte aus die Exhortation zu verstehen, dann muss man sagen, dass Amoris Laetitia mit großer Deutlichkeit nicht das „Ideal“ einer Familie, sondern ihre reiche und komplexe Realität betont. Aus den Seiten spricht ein offener Blick, zutiefst positiv, der sich nicht aus Abstraktionen oder Projektionen eines Ideals ergibt, sondern aus der pastoralen Aufmerksamkeit für die Realität. Das Dokument ist eine dichte Lektüre von geistlichen Anregungen und von praktischer Vernunft, die jedem menschlichen Paar oder auch Menschen, die eine Familie gründen wollen, hilfreich sein kann. Es wird auch deutlich, dass das Dokument Frucht von ganz konkreten Erfahrungen mit Menschen ist, die aus ihrem eigenen Leben heraus wissen, was eine Familie ist und die seit vielen Jahren zusammen leben. Die Exhortation spricht außerdem eine Sprache der Erfahrung und der Hoffnung.